„Es lohnt sich, sich seinen inneren Dämonen zu stellen.“

06. Dezember 2023

Alexander Reich gründete 1998 zusammen mit weiteren Beteiligten den Verein für akzeptierende Drogenarbeit und psychedelische Krisenintervention eclipse e.V. und damit startete ein Projekt, das Veränderungen erlebte, bis heute gewachsen ist und dieses Jahr 25-jähriges Jubiläum feiert – ein guter Anlass, mehr über die Anfänge und Entwicklung von eclipse zu erfahren. Dafür habe ich mich mit Alexander getroffen. Heute arbeitet er psychotherapeutisch mit dem Schwerpunkt Traumatherapie in Berlin. Im Interview verrät er, wie seine erste Erfahrung mit Pilzen sein Leben veränderte, was eine Tutoriumsgruppe an der Uni namens „Gott, Transzendentalität, Psychedelik und Spiritualität“ mit der Gründung von eclipse zu tun hatte, wie der Verein das Fusionfestival vor dem Gemeinderat rettete und was Traumatherapie mit Psycarearbeit gemeinsam hat.

Hallo Alex, schön, dass wir uns heute treffen. Eclipse feiert dieses Jahr 25-jähriges Bestehen. Wie schaust du als Mitgründer von eclipse auf dieses Jubiläum?

Alexander:
Ich freue mich total, dass es das Projekt noch gibt. Hätte mir das jemand vor 25 Jahren gesagt, hätte ich das nicht geglaubt. Streng genommen sind es übrigens 26 Jahre. Weil es 25 Jahre den Verein gibt, aber den ersten Infostand von eclipse gab es schon auf der Fusion 1997. Da waren wir aber noch kein Verein. Da haben wir damals die Leute von der Fusion angeschrieben. Die haben dann allerdings zunächst gesagt, sie haben keine Lust auf einen Haufen Hippies, die Chai kochen und glauben, das sei was Besonderes. Dann mussten wir noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten und dann haben sie uns doch hingelassen.

Kannst du noch ein bisschen mehr zu der Entstehungsgeschichte von eclipse sagen? Was war die Motivation, welche Menschen waren beteiligt, was hat das ganze mit der Fusion zu tun?

Alexander:
Okay, da muss ich wahrscheinlich noch ein bisschen weiter ausholen. 1992, kurz vor meiner kaufmännischen Ausbildung, die ich beginnen wollte, habe ich das erste Mal eine Erfahrung mit Pilzen gemacht. Die war so tiefgreifend und lebensverändernd, dass mir danach klar war, ich kann diese Ausbildung nicht machen. Es kam mir plötzlich komplett banal vor, Kaufmann zu werden. Und ich so viele Fragen hatte und so viele Eindrücke – es war wirklich life changing. Ja das kann ich nicht anders sagen. Drei Monate lang habe ich gerätselt, was ich denn jetzt stattdessen machen will. Ich wollte Antworten auf all die Dinge, die ich da erlebt habe.

Und dann bekam ich einen Platz in Psychologie in Berlin und habe angefangen Psychologie zu studieren. Parallel habe ich relativ begeistert die Berliner Partyszene für mich entdeckt. Ich komme eigentlich aus Hamburg, war dann in Berlin viel feiern und habe mich aber auch im Studium viel mit dem Thema Drogen beschäftigt – immer mit der Frage, was passiert dabei eigentlich in der Psyche? Ich habe angefangen mich mit Stanislav Grof zu beschäftigen, der ja LSD-Psychotherapie gemacht hat. Und habe dann von einem guten Freund gehört: „Warte mal ab, bis der Jan aus Indien zurückkommt, mit dem wirst du dich verstehen, der tickt genauso.“. Dann kam der Jan zurück und ich unterhielt mich mit ihm. Er war auch ein kleiner oder großer Psychedeliker – wie man es nehmen will.

Und dann haben wir eine Tutoriumsgruppe an der Uni gegründet, die hieß irgendwie so „Gott Transzendentalität Psychedelik und Spiritualität“ oder so was, das weiß ich nicht mehr genau. Unter der Überschrift des Tutoriums haben wir dann angefangen Substanzen zu erforschen, indem wir Hütten im Berliner Umland angemietet haben. Zwei, drei Leute haben was genommen und einer ist nüchtern geblieben und hat die anderen begleitet. Wir haben Stanislav Grof gelesen, haben andere Geschichten aus den 70ern gelesen, was es so alles an psycholytischen Therapieansätzen gab.

Durftet ihr das offiziell machen oder war das ein bisschen inoffiziell?

Alexander:
Ne, also offiziell gab es diese Tutoriumsgruppe, aber der Rest war inoffiziell. Genau. Und im Zuge dieser ganzen Geschichte gab es die ersten Leute, die unangenehme Erfahrungen gemacht haben. Und diese auch nicht integriert bekamen. Also, bis hin zu der Situation, dass ein Komillitone damals in der Psychiatrie gelandet ist. Und mich hat immer mehr diese Frage beschäftigt, was unterscheidet eigentlich die Menschen, die eine schöne Erfahrung machen, von denen, die eine schlechte Erfahrung machen. Und in Kombination mit dem Studieren von Stanislav Grof ist mir immer klarer geworden, das es zunächst einmal relativ simpel ist. Denn diese Subtanzen konfrontieren dich mit dir selber. Bei einem „Horrortrip“ kommt ja nicht irgendein Dämon angeflogen, sondern das sind meine inneren Dämonen, die sich da zeigen. Weil ich etwas in meiner Geschichte habe, was dann nach vorne dringt.

Und mit diesen Feststellungen haben Jan und ich dann gedacht, lass uns das doch mal professionalisieren. Wir gehen jetzt auf Festivals und kümmern uns um Leute, denen es nicht gut geht. Wir wussten, es gibt da diese Hamburger Leutchen, die machen ganz nette Partys und die haben wir dann angeschrieben und unser Konzept erklärt. Da kam dann diese Antwort zurück, die ich vorhin schon erwähnt hatte. Zunächst hieß es, ne wir haben keine Lust. Und ich weiß noch, das ich damals mit „Namaste“ unterschrieben habe und Eule kommt ja eher aus einer linken Szene und wir waren eher so die Hippies damals. Meine These ist, das die das „Namaste“ ein bisschen getriggert hat. Und dann haben wir unser Konzept weiter erklärt.

Und dann haben die von der Fusion gesagt, na gut, dann kommt mal vorbei. Und dann waren die eigentlich ziemlich happy, dass wir da waren. Es gab ganz schön viel zu tun. Im Team waren Jan und ich, und dann haben wir noch fünf, sechs Freunde eingeladen. Wir haben das komplette Wochenende den Stand betreut. Du weißt ja, wie viele Leute jetzt an einem Wochenende auf der Fusion den Stand betreuen. Also, ich habe vielleicht vier Stunden geschlafen, über die kompletten Tage verteilt.

Wart ihr und die Fusion überrascht davon?

Alexander:
Ich glaube, das ging alles Hand in Hand. Die waren schon am Anfang ein bisschen skeptisch. Dann haben sie aber gesehen, dass es viel Bedarf gibt. Wir haben an dem Wochenende wirklich etliche Fälle betreut. Und die Fusion war dann auch in den Folgejahren offener. Ziemlich bald, nachdem das Festival ein bisschen größer wurde, gab es von Menschen aus der Gegend aber viel Widerstand gegen die Fusion. Und es ging dann ganz schnell um die Frage, ob das Festival überhaupt weiter erlaubt werden soll. Weil, „da konsumieren Leute ja Drogen“. Eule hat uns dann in eine Gemeinderatssitzung eingeladen. Ich schätze das war im vierten oder fünften Jahr des Fusionfestivals. Der Gemeinderat wollte darüber entscheiden, ob sie das Festival weiter genehmigen oder nicht. Eule konnte dann sagen, ja, es gibt hier ein Drogenthema, aber guckt mal, wir tun was dagegen. Wir haben dieses Projekt, eclipse, hier mit an Bord.

Und dann hat es auch die Gemeinde überzeugt?

Alexander:
Ja, da gibt es einen legendären Satz, über den ich mich bis heute totlachen kann. Also der Gemeinderat war zunächst sehr skeptisch. Wir haben dann sehr viel erzählt, was wir da machen. Und haben uns sehr bemüht, denen die Skepsis zu nehmen. Und der Mensch, der am aller skeptischsten war, beendete diese Gemeinderatssitzung mit dem Satz „München hat das Oktoberfest, Berlin hat die Loveparade und wir haben die Fusion.“.

Kannst du die ersten Einsätze auf der Fusion mal genauer beschreiben? 

Alexander:
Es gab vier Sachen, die von Anfang an Konzept waren: Aufklärung über Substanzen, also irgendwelche kleinen Flyer, die haben wir noch schnell gebastelt. Dann noch Chai kochen. Im zweiten Jahr haben wir auch Massagen dazugenommen. Und natürlich die Psychedelische Ambulanz als Grundkonzept von dem Ganzen.

Jan und ich waren damals die beiden, die sich Gedanken darüber gemacht haben, was psychedelische Ambulanz eigentlich bedeutet. Deswegen war das auch so, dass wir beide hauptsächlich die Ambulanz gemacht haben, während die anderen Chai gekocht haben oder Flyer verteilt haben. Da waren wir ganz schön überrannt. Das waren schon auch heftige Fälle, die uns gleich an diesem ersten Wochenende begegneten. Und wir hatten mehr ein theoretisches, als ein praktisches Konzept. Wenn es Menschen schlecht ging, dann sitzen wir halt dabei, wir begleiten sie, wir stehen ihnen bei und finden beruhigende Worte. Das war aber alles noch sehr marginal. Es war wirklich der Sprung ins kalte Wasser.

Wie hat es sich dann weiterentwickelt zu dem Punkt, wie eclipse heute aussieht? Und konntet ihr Input aus eurem Psychologiestudium in die Psycarearbeit einbringen?

Alexander:
Ich war zum Glück an einer Uni, an der ich sehr frei entscheiden konnte. An der FU und an einem links-marxistisch geprägten Institut, war die Haltung „Ihr seid hier nicht mehr in der Schule, ihr entscheidet selber, was eure Schwerpunkte sind.“. Bis auf ein paar Pflichtveranstaltungen. Ich habe eigentlich versucht jede Prüfung in dem Feld zu machen.

Jan und ich haben auch unsere Diplomarbeit über Drogenarbeit in der Technoszene geschrieben. Dabei ging es darum, dass es damals für das Partydrogenklientel eigentlich gar keine Angebote gab. In den psychiatrischen Kliniken wurden sie abgelehnt mit dem Argument, dass sie Drogen nehmen und eigentlich in die Suchtberatung gehen müssen. Aber die Beratungen haben wiederum gesagt, naja, du bist ja nicht süchtig, weil du Partydrogen nimmst. Die psychischen Probleme, die in Kombination mit Partydrogen entstanden sind, hatten keine Anlaufstellen. Die Psychotherapeuten haben gesagt, bevor du in Therapie kommen kannst, musst du erstmal aufhören Drogen zu nehmen. Das haben wir damals – auch für die Diplomarbeit – als Problemstelle definiert. Hier gibt es Personen, die möglicherweise in Probleme rutschen und keine Anlaufstellen dafür haben.

Wie ist da der Stand heute?

Alexander:
Die Drogenberatungsstellen haben sich geändert. Akzeptierende Drogenarbeit war damals noch etwas sehr seltenes. Damals wurde noch gesagt: „Wenn du Drogen nimmst, hör damit auf. Basta!“. Es wurde eher selten gesagt, dass man beim Konsumieren auf die und die Parameter achten soll und es wurden in der Drogenberatung auch selten Menschen begleitet, die akut noch konsumiert haben. Wir waren auch sehr schnell mit Drogenberatungsstellen in Kontakt, und mit der Drogenbeauftragten von Berlin damals, wir sind auf Kongresse gegangen, kleine Artikel geschrieben. Wir haben schnell versucht dieses Konzept in die Welt herauszubringen.

Es gab damals ein zweites Projekt in Hamburg, die dann auf der 1998er Fusion auch einen Psycare-Stand machen wollten. Und dann hat Eule gesagt, naja, hier gibt es ja schon so ein Projekt, geht mal zu denen dazu. Dadurch ist Rü dazugestoßen, der bis heute noch bei eclipse aktiv ist. Und mit Eve&Rave haben wir auch zusammengearbeitet, um aktiv Drogenpolitik zu gestalten. Eigentlich haben wir versucht Drug-Checking in Berlin durchzukriegen, aber es gab einfach keine Chance.

Wir haben eine Zeit lang im eclipse-Zelt auf der Fusion per Schnelltest Substanzen getestet. Auf der Gemeinderatsstitzung haben wir dann erfahren, dass ein Ermittlungsverfahren gegen uns läuft, weil irgendjemand gemeldet hat, dass im eclipse-Zelt Substanzen von einer Person an eine andere Person übergeben wurden. Also, wir haben die Substanzen angenommen, getestet und dann das Testergebnis abgeliefert. Das Ermittlungsverfahren muss dann aber eingestellt worden sein, denn es ist nie irgendwas passiert. Aber das war auch noch eine ganz aufregende Zeit. Wir dachten, oh, jetzt gib es Ärger. Dabei haben wir nur den Leuten geholfen. Es wurde nur getestet, ob in der Pille wirklich das drin ist, was die Leute dachten, was drin ist.

Wie lange warst du insgesam bei eclipse aktiv?

Alexander:
Das ist eine gute Frage. So richtig kann ich dir das nicht beantworten. Auf jeden Fall bis zum Ende meines Studiums. Die letzten Fotos, die ich habe, sind von 2002. Ich kann es dir nicht genau sagen. Es wurde dann auf jeden Fall weniger. Ich bin dann auch relativ bald Vater geworden und dann war ich nicht mehr so aktiv.

Was sind die größten Veränderungen, die du bei eclipse erlebt hast?

Alexander:
Was mich beeindruckt hat, war, dass jeder, der mitmachen will, erstmal einen Workshop machen muss. Das finde ich sehr gut. Es ist schon eine krasse Arbeit. So wie wir damals ins kalte Wasser gesprungen sind, nach dem Motto „Wir haben selbst Drogen genommen, deswegen können wir das“. Also, da gehört schon ein bisschen mehr dazu. Zumal es wirklich wilde Fälle gab und ich im Nachhinein denke, das es schon gut ist, wenn die Leute in den Dos und Don’ts geschult werden.

Vielleicht mal ein Beispiel: Wir hatten einmal eine Frau auf der Fusion, die hing in einem Loop fest. Sie saß auf der Tanzfläche und sagte immer wieder „Komm mal her, komm mal her! Setz dich hin, setz dich hin! Gib mir nen Kuss, los, gib mir nen Kuss, gib mir nen Kuss!“ Und wenn man dann neben ihr saß, hat sie einen geschubst und angeschrien „Ey, verpiss dich du Wichser!“ Dann beugte sie sich nach vorne, kramte im Gras herum, so als würde sie etwas sehen, dann guckte sie nach oben und dann sagte sie wieder: „Hey, komm mal her, komm mal her! …“. Das machte sie stundenlang so. Und es löste viel Irritation aus bei den Leuten. Dann dachten wir, was machen wir, sie muss irgendwo anders hin. Und dann haben wir sie übers Gelände getragen. Das war überhaupt nicht gut. Das sah von außen ganz schrecklich aus. Die Leute dachten, wir zwingen irgendjemanden irgendwo hin. Wir wollten sie in einen geschützten Raum bringen, sodass sie nicht weiter auf der Tanzflächen sitzt. Die ganzen Leute da haben sich auch über sie lustig gemacht. Aber das Bild, was wir dann abgeliefert haben, war gar nicht schön. Also, das mal als ein Beispiel, wo ich im Nachhinein denke, ne, wir hätten uns was anderes überlegen müssen. Und wenn wir noch drei Stunden da mit ihr gesessen hätten, keine Ahnung, und ein Zelt um sie herum aufbauen, ich weiß es nicht. Ich habe bis heute keine Idee, aber sie übers Gelände zu tragen war ne dumme Idee.

Einmal kam eine Frau zu uns ins Zelt und sagte „Ihr müsst mir helfen. Mein Freund hat sich mit einem geprügelt und sitzt jetzt auf dem drauf.“. Und dann haben wir gesagt „Das ist nicht unser Job, wir sind die psychedelische Ambulanz. Da muss die Security hin.“. Dann hat sie gesagt „Ne, der ist aber so komisch. Ihr müsst euch den mal angucken. Ich glaube, der ist ein Job für euch.“. Und dann bin ich doch hin. Die anderen habe ich gebeten zur Security zu gehen und mir die hinterherzuschicken. Und dann bin ich dort hin und da lag einer vorne über im Dreck und der andere hockte auf ihm drauf. Ich sagte „Was ist denn hier los?“. Der, der oben drauf saß, sagte „Er hat uns die Scheibe vom Auto eingetreten.“. Dann habe ich zu dem unten drunter gesagt „Warum hast du denn die Scheibe vom Auto eingetreten?“. Der antwortete: „Das ist ein Drogendealer, ich wollte ihn verhaften. Ich bin Polizist.“ Ich sagte dann: „Ok, wenn du Polizist bist, dann hast du doch bestimmt einen Dienstausweis dabei, um das zu beweisen?“. Er sagte dann: „Ja, klar kann ich das beweisen.“. Dann habe ich zu dem, der oben drauf saß gesagt: „Na, dann lass ihn mal los und wir gucken mal.“. Dann hat er ihn losgelassen und der unten Liegende griff in seine Tasche, holte eine Tüte voller Gras heraus, tippte da drauf rum, hielt sich die Tüte ans Ohr und sagte: „Hier ist Tommi, ich habe Rudi Rollbahn überführt. Könnt ihr mal eine Streife vorbeischicken? Der ist jetzt verhaftet.“. Da saß ich da so und dachte, hui, ok. Jetzt sagte der andere, dem das Auto gehörte: „Ich werde jetzt die Polizei rufen, der hat mir die Scheibe eingetreten. Und das ist ein Mietwagen. Ich muss das hier klären, damit ich keinen Stress mit der Vermietung bekomme.“ Das heißt, nachdem der Mann mit der Grastüte die vermeintliche Polizei gerufen hat, hat der andere mit der eingetretenen Autoscheibe die echte Polizei gerufen. Während wir auf die Polizei warteten, erzählte mir der mit der Grastüte, dass er seit fünf Jahren als verdeckter Ermittler auf Festivals arbeitet und Drogendealer überführt. Und die Fusion sei eines der besten Festivals, die hätten ja sogar dieses Projekt, was sich um Leute kümmert, die auf Drogen hängengeblieben sind. Und dann kam die echte Polizei. Dann sprang er sofort auf und sagte „Ey, Bruno, wir haben ihn erwischt! Ihr könnt ihn mitnehmen!“ Und die beiden Polizisten guckten ihn an und wollten wissen was hier los ist. Dann habe ich die ganze Geschichte erklärt und sie haben gesagt, wir nehmen den jetzt mit ins Verhör. Dann ist die Polizei mit dem Mann, der die Scheibe eingetreten hat, in ihrem Polizeiauto verschwunden. Ich stand vor der Tür und dachte nur „Ohje.“. Dann kam die Polizei mit großen Augen wieder raus und sagte „Was machen wir denn jetzt mit dem?“. Und ich sagte: „Na, ihr könnt ihn mir geben, wir kümmern uns um den, das ist hier unser Job.“. Und dann haben wir ihn weiterbetreut.
Das war so eine der verrücktesten Geschichten. Psychologisch war der in einem Wahn. Er hatte klassische Wahnvorstellungen. Im Nachhinein habe ich es mir so erklärt: Wenn ich lange in der Drogen-Szene bin, mir ständig, während ich auf Drogen bin, Gedanken mache, ich könnte erwischt werden, wo sind vielleicht verdeckte Ermittler, dann füttere ich immer mehr diese Story. Und bevor ich paranoid werde, werde ich doch lieber selbst Ermittler. Es ist natürlich auch traurig. Der kam am nächsten Tag nochmal wieder, seine Freunde haben ihn gebracht und meinten, der ist immer noch total verwirrt. Und dann haben wir mit den Freunden verabredet, dass sie ihn zu seinen Eltern bringen.

So etwas ist immer eine spannende Frage, die habt ihr wahrscheinlich bis heute. Ab wann kommt die Psychiatrie ins Spiel? Wann kommt die Polizei ins Spiel? Wen schicke ich wieder nach Hause? Unsere Regel war immer, dass wir den Leuten eine Karte mit einer Nummer mitgegeben haben, damit sich die Leute auch nach der Party nochmal melden können. Aber wir versuchen natürlich den Menschen im Vorhinein zu sagen, was sie tun müssen, um die Chance einer negativen Erfahrung zu minimieren.

Was hast du durch eclipse gelernt?
Welche Erfahrungen haben dein heutiges Ich geprägt? 

Alexander:
Die wichtigste Lektion von all dem ist, dass es sich lohnt, sich seinen inneren Dämonen zu stellen. Und auch durch diese Erfahrung durchzugehen. Alles was da hochkommt, ist sowieso in einem drin. Was ich aus meiner Biografie mit mir trage. Aber anstatt das schnell auszubremsen oder wegzumachen, lasse ich es passieren, in einem geschützten Rahmen, in einer Begleitung. Ich finde, das ist auch übertragbar auf den Rest des Lebens.

In meiner Praxis ist mein Schwerpunkt Traumatherapie. Und auf eine Art mache ich immer noch das gleiche wie bei eclipse. Nur dass die Leute nicht auf Substanzen sind. Sie kommen zu mir, weil sie etwas aus ihrer Vergangenheit bearbeiten wollen. Ich halte den Raum dafür, dass Dinge hochkommen können und die Menschen dadurch gehen können. Und das habe ich ein bisschen durch eclipse gelernt. Und ich habe mit der Zeit gelernt, mit einer gewissen Gelassenheit und ausstrahlender Ruhe die Leute zu begleiten, die gerade in hochgradigen inneren Dramen sind.

Wie nimmst du eclipse aus heutiger Sicht wahr? Welche Rolle spielen dabei auch äußere Faktoren wie zum Beispiel die Veränderungen in der Clubkultur?

Alexander:
Das Thema Awareness spielt eine viel größere Rolle mittlerweile. Man muss dazu sagen, dass es leider notwendig geworden ist. Lange vor der ersten Fusion, war ich 1992 auf meiner ersten Goa-Party. Da hat niemand Alkohol getrunken, also, in meiner Erinnerung hat Alkohol keine Rolle gespielt. Wenn jemand in der Ecke hockte, dem es nicht gut ging, waren sofort drei Leute da. An Substanzen gab es MDMA, LSD und Kiffen. Und das wars. Und es war ein kleiner Kreis, wo alle primär liebevoll miteinander waren. Und dann ist die Szene größer geworden und die ersten krassen Geschichten kamen auf und die Substanzen haben sich geändert. Dann kam Kokain, Speed, und später Ketamin. Und dann hat sich nach meinem Empfinden auch die Musik geändert. Ich hatte das Gefühl, früher war viel mehr Freude und Lebendigkeit in der Musik und in dem Feiern.

Aber auf der Party von eclipse letztes Jahr hatte ich das Gefühl „Ah, wow, da ist das ja alles wieder.“. Also, ich kam da hin und ich wollte Rü kurz auf dem Gelände besuchen, gucken was eclipse da so macht, wieder gehen und das ist es. Und dann habe ich gedacht „Boa sind die alle nett, boa, sind die alle offen, boa, fühle ich mich hier gerade willkommen.“. Und dabei hatte ich das Gefühl, dass hier jeder willkommen ist. Und das rührt mich auch jetzt noch total. Wirklich. Und die FLINTA*-Ausrichtung finde ich auch super. Ganz ehrlich, das hat bei uns früher überhaupt keine Rolle gespielt. Da gab es kein Bewusstsein für. Ich habe an dem Abend mit zwanzig Leuten super schöne Gespräche geführt und zwar ohne, dass Rü immer herumgerannt ist und gesagt hat „Hier, das ist übrigens der Typ, der eclipse gegründet hat.“. Sondern einfach so. Ich kam da als Fremder auf eine Party und dachte, wow, das ist ja wieder so, wie ich das kennengelernt habe, als ich angefangen habe zu feiern. Und das war für mich eigentlich das Besondere daran, an dem Event.

Ich fand auch die ganzen Workshops super. Über eure Ziehröhrchen mit dem Logo musste ich auch sehr lachen. Das Logo habe ich damals zusammen mit einem anderen entworfen. Ich hab mir auch eins mitgenommen, obwohl ich nichts mehr ziehe. Aber das Ziehröhrchen wollte ich trotzdem haben.

Eine weitere Veränderung ist, dass wir damals noch keine oder kaum Informationen durch das Internet hatten. Du konntest nicht mal eben schnell googeln, wie man MDMA dosiert. Damals konntest du die Menschen mit den Flyern erreichen. Heute ist Aufklärung leichter. Aber dafür ist die Auswahl der Substanzen so viel breiter geworden.

Gab es damals schon internationale Verbindungen mit anderen Vereinen

Alexander:
Wir haben einen EU-Fördertopf abgegriffen, wo sich verschiedenen EU-Projekte vernetzt haben. Und dann sind wir plötzlich in Barcelona, in Paris, und so gewesen und haben uns mit anderen Projekten ausgetauscht. Da sind dann auch internationale Netzwerke entstanden. Die unterschiedlichen Feierkulturen zu sehen, war auch sehr spannend! Und auch die unterschiedlichen Drogenkulturen.

Paris hat mich damals richtig umgehauen. Das war krass. Das war das erste Projekt, was ich gesehen habe, das Spritzenbestecke verteilt hat. Die Leute haben intravenös geballert, die Gangs aus den Banlieus hingen da rum, haben sich geprügelt, das war krass, ich hab da richtig Schiss bekommen. Das ist der Albtraum aller Eltern die sich fragen, was ihr Kind am Wochenende treibt. Es war wirklich die Hölle. Die Leute kollabierten mitten auf der Tanzfläche, dann kam der Rettungswagen durch die tanzende Masse in irgendeiner Fabrikhalle, lud die Kollabierten ein und fuhr wieder ab. Das hat mich maßlos überfordert. Dort war dann eben ein französisches Projekt, die sich da den Gegebenheiten angepasst haben. Dann gab es halt Löffel und Spritzenbesteck. Und es gab viel mehr Notfälle. Im eclipse-Rahmen gab es in den ersten Jahren eigentlich keine Notfälle mit Krankenwagen.  In Frankreich habe ich morgens die Leute aus den Pfützen rausgezogen, weil die da irgendwo in der Halle verlorengegangen sind.

Hast du noch abschließende Worte?

Alexander:
Ich finde es wirklich schön, was sich aus eclipse entwickelt hat und freue mich total, dass es den Verein noch gibt. Beschere doch mal liebe Grüße an alle, die mich noch kennen und an alle, die mich nicht kennen. Jan war traurig, dass er nicht zum Interview kommen konnte, aber er wird wahrscheinlich auf der Jubiläumsparty dabei sein. Ich kann leider nicht.

Hätte ich damals nicht diese Pilzerfahrung gemacht, wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich ganz viele Menschen erlebt habe, die in Psychiatrien gelandet sind. Ich war ja selber zwanzig Jahre lang feiern und habe bestimmte Menschen immer wieder gesehen, denen es jedes Jahr schlechter ging. Die Seite gibt es eben auch. Es war immer mein Wunsch, ehrlich beide Seiten zu betrachten. Du kannst damit in die Hölle rutschen und du kannst damit auch wunderschöne Erfahrungen machen.

In welche Richtung du gehst, entscheidet eine Mischung aus deiner Biografie und wie du in Bezug auf deinen Drogengebrauch damit umgehst. Eine grobe Faustregel, die ich mir immer gesagt habe, ist, dass es kein Drama ist, sich eine schöne Zeit noch schöner zu machen. Das Drama beginnt immer, wenn ich irgendeinen Scheiß weghaben will. Und dann immer weiter konsumiere, weil es so nie wirklich funktioniert.

In der Therapie gilt für mich: Es lohnt sich, diesen inneren Scheiß anzugucken und den zu transformieren. Egal, ob es jetzt mit oder ohne Substanzen ist. Das, was wir „Horrotrips“ nennen, ist traumatisches Erleben, was sich zeigt. Und wenn man sich klar macht, dass Trauma eigentlich das Gegenteil von Verbindung ist, geht Trauma immer einher mit den Gedanken „Ich bin völlig allein und hilflos einer Situation ausgeliefert, der ich nicht entrinnen kann.“. Das Gegenteil davon ist Verbindung. Und das ist auch das, was wir bei eclipse wiederherstellen. Wir gehen in Verbindung mit den Leuten und sagen, ich begleite dich in deinem Schmerz und bin bei dir. Das ist das heilsamste, was man machen kann. Und oft auch das einzige, was man machen kann. Ich bin da. Ich pass auf dich auf. 

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Veröffentlicht am 18. November 2023 im Rahmen einer Ausstellung bei der 25-Jahre-eclipse-Feier im MO1 (Salon zur Wilden Renate), das Interview führte Amelie Gante